Gedankensplitter

Glaube im Alltag und Kirche in unserer Zeit - darum drehen sich die Gedankensplitter, die Thomas Steinke ursprünglich für Wochenend-Ausgaben verschiedener Lokalzeitungen verfasst hat.

CFF - Churches for future!

Sind Sie gestern dabei gewesen, beim großen Klimaprotest? Wenn ja: Haben Sie es auch aus einer bewusst christlichen Haltung heraus getan? Natürlich, schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass wir endlich ernsthafte Konsequenzen ziehen und unseren Lebensstil ändern müssen: Wie sonst sollen unsere Kinder, Enkel und Urenkel noch eine Erde vorfinden, auf der sie gut leben können? Erst recht muss es uns als Christinnen und Christen ein Herzensanliegen sein, die Schöpfung zu bewahren. Von den ersten Seiten der Bibel an ist es uns ins Stammbuch geschrieben. Deshalb wundert es nicht, dass die Kirchen dazu aufgerufen haben, sich am Klimaprotest zu beteiligen. Ein wichtiges Signal für die Jugendlichen, die so beharrlich darauf bestehen, dass den vielen Worten endlich Taten folgen müssen - jetzt! Ein wichtiges Signal für unsere ganze Gesellschaft: Ein System, dass (fast) ausschließlich auf stetiges Wachstum und kurzfristige Gewinnsteigerung setzt, kann nicht immer weiter so funktionieren, ohne dass Natur und Menschen dabei ausgebeutet werden.
Wir alle sind gefragt - als Gesellschaft und als Einzelne. Wir müssen die Schalter im Kopf umlegen, eine Kultur des Genug, der Verantwortung und des Teilens weiterentwickeln und fördern. Wir müssen unseren Lebensstil ändern, z.B. wenn nötig den unbequemeren Weg wählen, Geld in Sanierungen und Alternativen investieren, z.T. auch verzichten.
In unseren Kirchen gibt es seit Jahren Bemühungen, z.B. beim Gebäudemanagement mit gutem Beispiel voranzugehen. Programme wie der "Grüne Hahn" zeugen davon, dass wir als Christinnen und Christen Verantwortung für die Zukunft übernehmen: CFF - Churches for future! Aber auch wir bleiben immer wieder hinter unseren Ansprüchen zurück. Was wir im Positiven bewirken, ist ein Zeichen, das über sich selbst hinausweist: Es ist ein Zeichen für Gottes neue Welt, für sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, das er selbst in Vollkommenheit heraufführen wird. Dann, wenn Christus seine Herrschaft für alle sichtbar antreten wird. CFF heißt für mich deshalb auch: Christ for future!
(21.9.2019)

Kirche unterwegs

Ich komme über den Deich und bleibe erst einmal stehen: Herrlich! Das Meer, die Wellen, die Sonne, der Strand... Mein Blick schweift die Küste entlang, hinüber zum Spielplatz und weiter zum Campingplatz. Da entdecke ich am Rande ein großes, weißes Zelt. Und jetzt sehe ich auch die Fahne mit dem violetten Kreuz. "Kirche unterwegs" steht auf dem Plakat vor dem Eingang - und das Programm: Kindertreff am Vormittag, Spiele am Nachmittag, Gute-Nacht-Geschichte am Abend, ab und zu eine Lesung oder ein Konzert, sonntags Gottesdienst für Kleine und Große im Kirchenzelt. Und im Strandkorb mit der Nummer 100 ist zu festen Zeiten die Pastorin anzutreffen. Sie ist offen für Begegnungen und persönliche Gespräche.

Inzwischen ist bei vielen von uns der Alltag wieder eingekehrt. Die Schule hat längst begonnen, für die meisten ist die Urlaubszeit vorbei. Der Gedanke der mobilen Kirche beschäftigt mich aber weiter. Ich denke an den Satz des Apostels Paulus: "Wisst Ihr nicht, dass Ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in Euch wohnt?" (1. Brief an die Korinther 3, 16) Jede Christin, jeder Christ, alle Getauften und Glaubenden: Kirche unterwegs sind wir! Wo wir sind, da sollen andere etwas von Gottes Liebe und Freundlichkeit erfahren. Mitten im Alltag.

Diese Perspektive wirft ein neues Licht auf mein tägliches Leben, mit seinem ganzen Einerlei und oft auch seinen Mühen und Tücken und Hindernissen... Ich möchte nicht nur funktionieren, meine To-do-Liste abarbeiten und dabei nicht nach links und rechts gucken. Ich möchte die Menschen, denen ich begegne, mit Gottes Augen sehen. Ich möchte seine Liebe an sie weitergeben, meinen Glauben und meine Hoffnung teilen. Sie sollen jedenfalls ein offenes Ohr bei mir finden für das, was sie im Inneren bewegt.

Zugegeben: Immer wieder bleibe ich hinter diesem Anspruch zurück. So fest, so kräftig wie ein Tempel oder ein Dom fühle ich mich nicht. Eher wie ein Zelt, manchmal ganz schön wackelig und windschief. Und dann besinne ich mich auf die Fahne mit dem Kreuz: Jesus Christus ist mit seinem Geist in mein Lebenszelt eingezogen. Es ist seine Kraft, die mich stark macht. Und wie gut, dass da auch noch andere "mobile Kirchen" neben mir unterwegs sind! Ich kenne ein paar "Strandkörbe", bei denen ich immer wieder Verständnis, Orientierung und Hilfe finde. Gott sei Dank!
(31.8.2019)

...Vertrauen ist besser!

"Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!" Normalerweise kennen wir diese Redewendung anders herum. Immer mehr Menschen entdecken aber, wie entscheidend Vertrauen ist. In der Erziehung z.B.: "Ich trau mich nicht - ich hab das noch nie gemacht!" - "Probier's doch einfach. Ich trau Dir das zu! Und wenn es nicht sofort klappt, versuch es noch einmal." Oder: "Mama, Papa, Ihr vertraut mir nicht! Ich mach das schon!" Nur dadurch, dass andere mir etwas zutrauen, wachse ich - und dabei manchmal über mich hinaus. Mache ich Erfahrungen und gewinne Selbstvertrauen. So bin ich bereit, Verantwortung zu übernehmen für mich und für andere.

In Unternehmen wird das Vertrauen in die Mitarbeitenden zunehmend wichtig. Unsere Welt ist nämlich so komplex geworden, dass einzelne Personen kaum noch die Abläufe einer ganzen Firma oder einer ganzen Abteilung überblicken können. Jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter ist Experte auf seinem Gebiet und im Zweifel auch nicht mehr ohne Weiteres bereit, Entscheidungen oder "Befehle" von oben einfach hinzunehmen und auszuführen. Immer mehr Chefs verstehen sich deshalb nicht so sehr als "Oberhaupt", das Ansagen macht und kontrolliert, sondern eher als Ermöglicher: Sie unterstützen ihre Mitarbeitenden und vertrauen ihnen, dass sie in ihrem Bereich eigenverantwortlich zum Besten des Unternehmens entscheiden und handeln.

Und wie sieht das in unseren Kirchen und Gemeinden aus? Was hindert uns daran, noch mutiger das "Allgemeine Priestertum aller Glaubenden" umzusetzen, noch flexibler mit bestehenden Strukturen umzugehen? "Eine gute Idee. Das haben wir noch nie so gemacht, aber probier es mal aus!" Wir müssten doch eigentlich am wenigsten Angst vor Kontrollverlust haben: Vertrauen wir doch dem, der letztlich alles in Händen hält und uns in Jesus Christus gezeigt hat, dass er absolut vertrauenswürdig ist. Das Kirchentagsmotto sollte unser Markenzeichen sein: "Was für ein Vertrauen!" Denn auf Gott können wir uns verlassen. Vertrauen ist besser!
(22.6.2019)

Wie weit ist mein Horizont?

Kopfkino: Ich stehe am Meer, frische Luft, gelblich-roter Himmel, der Horizont eine klare Linie, hinter der die Sonne als feuriger Ball verschwindet. Ich liebe es, diese Weite. Sie stellt mein kleines Leben und meine kleine Welt in einen großen Zusammenhang.

Auf einmal tauche ich wieder auf, mitten in meinem Alltag. In meiner privaten Welt, in der es um meine Familie, um mich, um unsere Freundinnen und Freunde geht. In der sich alles um unser persönliches Wohlergehen dreht. Zumindest in dem Sinn, dass die Dinge funktionieren und wir größere Katastrophen möglichst von uns fernhalten. Mein Horizont: Bis zum Gartenzaun?

Und manchmal auch nur bis zum Abend? Weil jeder Tag seine eigenen Herausforderungen hat und mich voll und ganz fordert. Abarbeiten von Listen, was alles zu erledigen ist. Leben von der Hand in den Mund.

Auch gesellschaftlich? Wie weit ist unser Horizont da eigentlich? Setzen wir uns nur für unsere eigene Berufs- oder Interessensgruppe ein, für unsere eigene Altersgruppe? Was ist mit den anderen? Mit den nachfolgenden Generationen oder mit den alten Menschen? Und mit denen hinter unserer Landesgrenze oder die von dort zu uns gekommen sind?

Und unser kirchlicher Horizont, reicht der nur bis zum eigenen Kirchturm? Und die Nachbargemeinden, die anderen Konfessionen oder die Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen interessieren uns nicht wirklich?

In diesen Tagen zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag tritt sie uns entgegen, die Frage nach unserem Horizont. "Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden", heißt es in Psalm 90, Vers 12. Im Horizont meines begrenzten Lebens rücken sich die Dinge heilsam zurecht. Überlege ich, was mir wirklich wichtig ist. Wofür und wem ich verantwortlich bin. Wozu ich eigentlich lebe, worauf ich am Ende einmal zurückblicken möchte: Dass Menschen Vorrang haben vor Dingen, dass Beziehungen wichtiger sind als alles Materielle. Dass der Horizont meiner Verantwortung weiter ist als meine engen Grenzen. Dass ich nicht zuerst als Vertreter der Institution Kirche in Erinnerung bleiben möchte. Sondern als Freund von Jesus Christus, durch den andere etwas von seiner Liebe erfahren haben.

Und doch ist die Grenze meines eigenen Todes nicht der letzte Horizont für mich: Hinterm Horizont geht's weiter. Darum nochmals Kopfkino - nein, viel mehr: Versprechen des auferstandenen Jesus Christus an alle, die ihm vertrauen: "Wenn die Sonne Deines Lebens sinkt, dann werde ich da sein. Hinterm Horizont warte ich auf Dich, in der neuen Welt Gottes, in der Ewigkeit."
Was für ein grenzenloser Horizont! Ich liebe diese Weite!
(24.11.2018)

Knopf im Ohr

Über 100 Jahre lang war der Knopf im Ohr ein Markenzeichen für Plüschtiere. Seit einiger Zeit hat er auch unsere Spezies erreicht: Mutieren wir immer mehr zum "Homo headsetiensis"? Das ist keine Ausnahme mehr, sondern wird für unsere Gesellschaft zunehmend prägend: Egal wo ich mich befinde, der Knopf im Ohr gehört dazu. Egal was hier gerade passiert, meine Aufmerksamkeit ist woanders - eben bei dem, was an mein Ohr dringt. Egal wer um mich herum ist, ich rede scheinbar vor mich hin - eben mit der Person, mit der ich über den Knopf verbunden bin; nur nicht mit derjenigen, die mir vielleicht sogar gegenübersitzt. Gerate ich durch die Technik, die uns doch miteinander verbinden soll, in Gefahr, mich zu isolieren? Verpasse ich im analogen Leben eine echte Begegnung von Angesicht zu Angesicht, weil die Band oder die Info oder die Frau oder der Mann im Ohr mich in Beschlag nimmt? Verpasse ich so vielleicht sogar manche Begegnung mit Gott selbst?
Im biblischen Leitspruch für die kommende Woche heißt es: "Christus spricht zu seinen Jüngern: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Lukas-Evangelium 10,16)
Die Digitalisierung ist Realität und ich muss lernen, damit umzugehen. Die Technik verteufele ich nicht - ich nutze sie selbst täglich und bin froh über die Möglichkeiten, die sie mir bietet. Aber ich möchte wach sein für das, was gerade dran ist. Ich möchte nicht achtlos an denen vorbeilaufen, auf die ich treffe. Und ich will erwarten, dass Christus selbst mir in anderen begegnet und mir etwas zu sagen hat. Deshalb erbitte ich mir von Gott die Weisheit im Umgang mit der Technik, damit ich nicht im Digi-Tal versacke. Das würde dann auch unserem Namen als "Homo sapiens" alle Ehre machen.
(2.6.2018)

Mein unbekannter Opa

Meinen Opa habe ich nicht mehr kennengelernt. Er starb einige Jahre vor meiner Geburt. Was ich mit ihm verbinde, hat mein Vater mir erzählt. Unfassbar, was mein Opa in seinem Leben durchgemacht hat. Aufgewachsen im heutigen Polen musste er als junger Soldat im Ersten Weltkrieg beim russischen Heer kämpfen. Er geriet in deutsche Gefangenschaft, lernte dort seine Frau kennen und die beiden heirateten. Doch nach der Geburt des zweiten Kindes starb seine Frau. Er zog zurück zu seinen Eltern, unweit der russischen Grenze. Dort machte er Bekanntschaft mit einer jungen Witwe, die drei Kinder hatte. Nach der Heirat mit ihr hatten sie also fünf Kinder und in den folgenden Jahren wurden ihnen noch sechs gemeinsame Kinder geboren. Sie hatten sich einen kleinen Hof aufgebaut, den der älteste Sohn übernahm. Nun zog mein Opa mit seiner Frau und den sechs kleinen Kindern an verschiedene Orte. Er pachtete jeweils Land und Hof, aber durch unglückliche Umstände musste die Familie oft schon nach kurzer Zeit weiterziehen. Immer wieder musste mein Opa von vorne anfangen. Im Zweiten Weltkrieg verlor er zwei seiner Söhne und musste mit seiner Familie in den Westen fliehen.
Ein Erlebnis noch vor der Flucht hatte sich meinem Vater besonders ins Gedächtnis eingebrannt: Mein Opa hatte mit den Kindern gemeinsam auf dem gepachteten Land das Getreide geschnitten und die Garben zum Trocknen aufgestellt. Als sie später die Ernte einbringen wollten, kam der Besitzer und verjagte die Familie vom Feld. Mit leerem Leiterwagen mussten sie wieder nach Hause fahren. Das war ein herber Verlust in diesen entbehrungsreichen Zeiten. Die Kinder wunderten sich, dass mein Opa nicht in Zorn entbrannte, sondern das erlittene Unrecht so hinnahm. Er wusste sein ganzes Leben in Gottes Hand und vertraute darauf, dass sein himmlischer Vater ihn und seine Familie nicht im Stich lassen wird.
Leider habe ich meinen Opa nie persönlich gekannt. Und doch ist er für mich ein wichtiger Zeuge der Versöhnung, der den Worten von Jesus Christus folgte: "Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen." (Lukas 6,27+28)
Dass es nach all dem Unrecht, das von unserem Volk ausgegangen ist, zur Versöhnung und nun schon zum über 70 Jahre andauernden Frieden mit unseren Nachbarländern gekommen ist, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Und es spornt mich an, genauso wie mein Opa alles in meinem persönlichen Umfeld dafür zu tun, dass der Geist der Versöhnung sich ausbreitet.
(18.11.2017 - Zum Volkstrauertag)

Lebt als Kinder des Lichts!

"Da ist ein Mann, der hat davon gehört, dass an einem fernen Ort eine heilige Flamme brennt. Er macht sich auf, um dieses Licht zu sich nach Hause zu tragen. Er denkt sich: Wenn du dieses Licht hast, dann hast du das Leben, das Glück.
Nun ist er auf dem Heimweg. Seine Sorge ist, dass die Flamme erlischt.
Er trifft einen anderen, der kein Feuer hat, der friert. Der bittet ihn, ihm von seinem Feuer zu geben. - Zuerst will er nicht, er denkt: Dieses heilige Feuer für eine so weltliche Sache, das geht nicht. - Dann aber gibt er doch. Auf seinem weiteren Weg gerät er in einen schlimmen Sturm. So sehr er auch sein Licht schützt, seine Flamme erlischt. Nun erinnert er sich an den anderen, dem er von seinem Licht abgegeben hat. Den weiten Weg zurück zum heiligen Ort über Meere und Ströme hätte er nicht mehr geschafft. Aber zu dem anderen, dem er geholfen hat, kann er zurück." (Willi Hoffsümmer)

Jesus Christus, das Licht der Welt, hat uns einen einzigartigen Schatz anvertraut. Er legt in uns die Gabe, sein Leben um uns zu verbreiten. Das helle Strahlen geht nicht von uns aus, sondern von ihm. Diese wunderbare Gabe hat er in Tongefäße gelegt: In unsere Herzen eben. In die Herzen von Bedürftigen, in unser zerbrechliches Dasein. Dort wohnt er mit seinem Licht. Ohne dass wir selbst es oft merken, macht er uns, die wir hilflos und verletzlich sind, zum Ort, an dem andere Menschen Gottes Gegenwart erfahren.

Das möchte ich sein: Ein Tongefäß, in dem Christus mit seinem Licht wohnt. Und wenn schlimme Stürme über mein Leben hereinbrechen und ich in mir nichts mehr von diesem Licht verspüre, dann sind da Schwestern und Brüder im Glauben, die mich mit ihrem Licht wärmen und bergen. Und selbst wenn mein Gefäß ganz zerbricht und mein Lebenslicht hier auf Erden erlischt, dann bin ich gewiss: Ich werde bei Christus sein - und dann wird mir sein ewiges Licht leuchten.
(12.8.2017)

"Segelst Du schon?"

- "Oder ruderst Du noch?" So könnte die Karikatur überschrieben werden, die mir vor Augen ist: Verbissen legen sich zwei Ruderer ins Zeug, während ganz entspannt und gelassen ein Paar Arm in Arm in einem Segelboot an ihnen vorbeifährt.
Für mich ist dies auch ein pfingstliches Bild. Gott hat seinen Geist versprochen, der weht, wo er will. Wie der Wind kommt er von außen. Wir können ihn nicht selbst machen, aber wir können uns dafür öffnen. Wir können die Paddel aus der Hand legen und die Segel setzen. Indem wir z.B. einen Gottesdienst besuchen. Jesus Christus hat die Nähe in seinem Geist in besonderer Weise zugesagt, wo wir in seinem Namen zusammen kommen. So laden z.B. sieben Gemeinden aus Rotenburg, die in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen verbunden sind, am Pfingstmontag um 11 Uhr zu einem gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst auf dem Pferdemarkt ein. Auch in anderen Regionen unseres Kirchenkreises werden an diesem Pfingstfest besondere Gottesdienste gefeiert. Ebenfalls am Pfingstmontag findet etwa im Schulwald Lauenbrück neben der Kirche um 10 Uhr ein regionales Tauffest an der Wümme statt. Immer geht es darum, dass wir uns an dem orientieren, was Christus in unsere Welt gebracht hat. Nicht verkrampft, nicht verbissen, nicht engstirnig sind wir unterwegs. Sondern von seinem Geist wollen wir uns bewegen lassen. Dieser Geist ist nicht ein Geist der Furcht oder der Abschottung. Nein, es ist der Geist Christi: Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit! (2. Timotheus 1,7)
Möge dieser Geist kräftig in unser Leben hineinwehen - bei uns persönlich und in unseren Kirchen und Gemeinden. Setzen wir die Segel, dann werden wir seine Kraft spüren! Gesegnete Pfingsten!
(3.6.2017 - Zu Pfingsten)

Bei Jesus in der Küche

Als meine Geschwister und ich klein waren, haben unsere Eltern mit uns abends oft diese Liedstrophe gesungen: "Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein..." (Ev. Gesangbuch 477,8). Warum Jesus in die Küche gehen soll, habe ich nicht verstanden. Aber ich dachte an Onkel Willys und Tante Lenes Bauernhaus: Bei ihnen kam man nämlich von der Diele, auf der die Kühe standen, direkt in die Küche. Hier spielte sich das ganze Leben ab. Hier wurde nicht nur gekocht und gegessen. Hier setzte man sich mit den Besuchern an den Tisch, hier wurden die Pausen und der Feierabend verbracht. Hier gab es außer Schwarzbrot auch Kuchen und Chips. Hier ging es in den Gesprächen um die tägliche Arbeit und die große Politik. Kurz: Dieser Raum stand für mich als Kind für Gemeinschaft und Geborgenheit.
Und deshalb war es für mich ein beruhigender Gedanke: Wenn Jesus abends in der Küche ist, dann ist alles gut. Dann kann ich, falls ich im Dunkeln Angst haben oder falls tatsächlich etwas Schlimmes passieren sollte, ja schnell zu ihm rennen!
Später habe ich den ursprünglichen Sinn des Bildes verstanden: Wie die Henne bei Gefahr ihre Flügel schützend über ihre Küken breitet, so möge Jesus in der Nacht segnend seine Hände über uns halten. Dann, wenn wir uns - möglichen äußeren und inneren Feinden wehrlos ausgeliefert - in den Schlaf fallen lassen. "Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: »Dies Kind soll unverletzet sein.«", so geht die Liedstrophe weiter.
Und das tröstet mich noch heute, nicht nur nachts. Sondern auch tagsüber, wenn ich wieder mal den Eindruck habe, es ist buchstäblich "der Teufel los" in unserer Welt. Dann ist es gut, diesen Zufluchtsort zu kennen: "Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!" (Psalm 36,8).
(13.8.2016)

Die Wegwerfgesellschaft

Die Zahlen haben mich aufgeschreckt: In Deutschland landen jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – das ist rund die Hälfte unserer Lebensmittel! Viele werden schon vernichtet, bevor sie überhaupt den Ladentisch erreichen. Massenproduktion, ein schneller Warendurchlauf und ein Überangebot führen zu dieser riesigen Vernichtung von Essen. Dieser Müll ist also eingeplant und wird von uns Konsumenten mit bezahlt.

Was für eine Verschwendung von Energie, Wasser, Land und Arbeitskraft. Ein schonenderer Umgang mit diesen Ressourcen würde den Welthunger mehrfach besiegen können!

Was können wir als Einzelne schon daran ändern? Eine ganze Menge! Allein die Privathaushalte werfen 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Wir alle sind also gefragt, unser Konsumverhalten und unseren Umgang mit Lebensmitteln zu überdenken. Das fängt beim Einkauf an: Was brauchen wir wirklich? Fördern wir mit unserem Einkaufsverhalten das Prinzip, dass alles jederzeit überall und möglichst frisch verfügbar sein muss? Und: Wie viel brauchen wir und können wir wirklich verwerten, bevor es verdirbt? Das geht weiter beim Kochen: Landen alle Reste sofort im Müll? Oder verwenden wir sie weiter und sind kreativ im Erfinden „neuer“ Gerichte? Und das endet im Umgang mit Produkten, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Natürlich ist bei Fleisch besondere Vorsicht geboten, aber viele andere Lebensmittel sind weiterhin genießbar.

Und noch eins frage ich mich: Was macht das mit uns, dass uns offensichtlich die Wertschätzung der Nahrungsmittel, die doch zu unserer Lebensgrundlage gehören, immer mehr verloren gegangen ist? Färbt diese Wegwerfmentalität unbewusst vielleicht auch auf andere Lebensbereiche ab, die ebenfalls wesentlich für uns sind?

Wie wertvoll sind mir z.B. die Beziehungen, in denen ich lebe? Zu meiner Partnerin / meinem Partner, zu den Kindern, den Eltern, den Freundinnen und Freunden? Läuft das „Haltbarkeitsdatum“ hier auch immer schneller ab?

Als Christ glaube ich, dass ich ein Geschöpf Gottes bin, das er liebt. Genauso wertgeschätzt sind auch meine Mitmenschen – in der Nähe und in der Ferne. Gehen wir also achtsam miteinander um. Und gemeinsam mit unserer Schöpfung, die uns anvertraut ist, damit wir sie bebauen und bewahren.
(24.3.2012)

Willkommen im Alltag!

In der nächsten Woche ist es so weit: Die Sommerferien sind zu Ende. Für rund 1 Mio. Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen beginnt das neue Schuljahr. Die Erstklässler fiebern dem Start entgegen, die meisten anderen aber haben zumindest gemischte Gefühle, wenn sie daran denken: Dann hat uns der Alltag wieder schnell im Griff!

Was macht den Alltag eigentlich so unbeliebt bei Kindern, Jugendlichen und auch bei uns Erwachsenen? Es ist wohl dieses sich wiederholende Muster von Essen, Arbeiten, Schlafen. Immer wieder das Gleiche – wie langweilig! Das Leben, das richtige Leben scheint anderswo zu sein. Und deshalb sind wir ständig auf der Flucht. Weg aus dem Alltag. Wenn doch erst die Schule aus ist! Wenn doch erst Feierabend ist! Wenn doch erst Wochenende ist! Wenn wir doch endlich wieder Ferien oder Urlaub haben! Wenn doch erst die Kinder aus dem Haus sind! Wenn ich doch erst Rentner bin!...

Aber wir irren uns, wenn wir Arbeit und Mühe ins Reich des Unerträglichen abschieben wollen. Sie gehören nämlich zu unserem Wesen als Mensch. Wir täuschen uns, wenn wir meinen, es ginge alles ganz leicht. Denn Lernen und Arbeiten erschließen uns erst die Welt. Andernfalls schwinden unsere Kompetenzen. Wenn wir nur noch vor dem Alltag fliehen, verlernen wir die alltäglichen Dinge wie z.B. das Kochen, die Kindererziehung, handwerkliche Fertigkeiten oder soziale Umgangsformen.

Deshalb möchte ich nicht ständig im Konjunktiv leben: Wenn doch erst… Sondern im Hier und Jetzt. Ich kann in der wirklichen Welt leben, die eben nicht perfekt ist, und den Alltag als Ort des Glücks entdecken. Ich kann das, was ich gerade tue, wirklich ganz bewusst und gegenwärtig tun. Ich bin in Gedanken nicht schon wieder bei etwas anderem, das noch mehr Glück verspricht. Wenn ich koche, koche ich und denke nicht an ein Fünf-Sterne-Menü. Wenn ich arbeite, dann arbeite ich, und spekuliere nicht, dass ich mit 67 morgens um 7 noch im Bett liegen kann. Und wenn ich alt bin, dann bin ich alt und nicht „junggeblieben“.

Aber was ist, wenn die Last des Alltags doch zu groß wird und mich niederdrückt? Wenn der Wind mir entgegenbläst und ich einknicke wie ein dünner Grashalm? Wenn ich wieder mal merke, dass ich keine große Leuchte bin, sondern mein kleines Licht schon fast ausgepustet ist? Dann möchte ich den Wochenspruch für die neue Woche bewusst hören, in dem mir Gottes Hilfe zugesprochen wird: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jesaja 42,3).
(25.8.2007)